Die Stadt Ennigerloh steht vor weitreichenden finanziellen Entscheidungen. Bei der Einbringung des Haushaltsentwurfs 2027 im Rat präsentierten Bürgermeister Marc Berendes und Kämmerin Martina Lohmann ein strukturelles Minus von rund 11,4 Millionen Euro. Trotz des Sparzwangs verzichtet die Verwaltung auf Steuererhöhungen und setzt auf gezielte Investitionen in Millionenhöhe.

11,4 Millionen Euro Defizit: Aufzehrung der Reserven droht bis 2028

Der Haushaltsentwurf für das Jahr 2027 weist einen Jahresfehlbetrag von ca. 11,4 Millionen Euro (exakt 11,395 Mio. Euro) auf. Ohne Gegenmaßnahmen wird die Ausgleichsrücklage der Stadt im Jahr 2028 vollständig aufgebraucht sein. Ab 2029 müsste sich die Kommune an der Allgemeinen Rücklage bedienen.
Als Hauptgründe für die angespannte Lage nennt die Stadtverwaltung externe Faktoren:
  • Steigende Transferabgaben: Die Kreisumlage steigt 2027 auf 24,2 Millionen Euro (kreisweit 214,4 Mio. Euro). Bei gleichbleibender Entwicklung droht Ennigerloh bis 2030 eine jährliche Umlagebelastung von bis zu 20 Millionen Euro.
  • Rettungsdienst-Finanzierung: Ungedeckte Kosten des Rettungsdienstes schlagen 2027 laufend mit ca. 175.000 Euro zu Buche. Unter Berücksichtigung der Fehlbeträge aus 2025 und 2026 entsteht eine kumulierte Zusatzbelastung von über 1 Million Euro.
  • Keine Schlüsselzuweisungen: Aufgrund hoher eigener Steuerkraft (Gewerbesteuereinnahmen seit 2023 konstant über 20 Millionen Euro, Gesamtsteuereinnahmen 2027 geplant bei 35 Millionen Euro) erhält Ennigerloh 2027 erneut keine Landeszahlungen aus Schlüsselzuweisungen und profitiert nicht von der Altschuldenhilfe.

Konsolidierung ohne Steuererhöhungen: Abbau von 3,5 Stellen und Immobilienprüfstand

Trotz der Rekorddefizite sieht der Entwurf keine Erhöhung der Hebesätze bei der Grund- und Gewerbesteuer für 2027 vor. Die Verwaltung setzt stattdessen auf eigene Einsparpotenziale:
  • Stellenplan-Reduzierung: Im Stellenplan werden im Saldo 3,5 Vollzeit-Stellenanteile gestrichen. Ein pauschaler Personalabbau findet nicht statt.
  • Immobilien auf dem Prüfstand: Der umfangreiche städtische Gebäudebestand wird kritisch auf Auslastung, Zusammenlegung von Nutzungen und etwaige Veräußerungen überprüft.
  • Interfraktionelle AG: Eine gemeinsame Arbeitsgruppe aus Politik und Verwaltung soll den Sparprozess begleiten und konsolidieren.

Vorfahrt für Großprojekte: Millionen für Hallenbad, Sport und Schulen

Ein allgemeiner Investitionsstopp wird abgelehnt, da eine Modellrechnung der Kämmerei zeigt, dass ein kompletter Stopp den Verbrauch der Ausgleichsrücklage lediglich um ein einziges Jahr (auf 2029) verschieben würde. Folgende Großprojekte sind im Haushaltsentwurf priorisiert:
  • Ersatzneubau Hallenbad: Gesamteigenmittelbedarf von 17,32 Millionen Euro (Stand 2025). Für 2027 sind 7,3 Millionen Euro im Wirtschaftsplan der Bäder angesetzt. Der Bund steuert 3 Millionen Euro Fördergelder bei. Die Fertigstellung ist für Mitte 2028 geplant.
  • Feuer- und Rettungswache: 9,2 Millionen Euro im Haushalt 2027, gefolgt von 7,6 Millionen Euro Baukosten in den Folgejahren. Ergänzend sind 1,8 Millionen Euro für den Ausbau des Knotenpunkts B 475 eingeplant.
  • Dreifeldhalle (Olympiahalle): 9,5 Millionen Euro im Jahr 2027. Das Projekt wird mit 1,5 Millionen Euro von der Bezirksregierung gefördert.
  • Grundschulstruktur & Jakobusschule: Zur Aufrechterhaltung des Schulbetriebs der Jakobusschule bestünde ein Sanierungsbedarf von 21,5 Millionen Euro. Aus Gründen der Finanzierbarkeit und sinkender Schülerzahlen plant die Stadt die Schließung des Standorts Jakobusschule und den Ausbau der Mosaikschule zur 4,5-zügigen Grundschule (Budget 2027: 971.000 Euro für OGS-Ausbau und Brandschutz).
  • NRW-Infrastrukturförderung: Rund 10 Millionen Euro aus dem Landestopf fließen gezielt in den Neubau der Maiboomhalle in Ostenfelde sowie die Sanierung der Schulsporthallen in Westkirchen und Enniger.
  • Straßen- und Radwegebau: 3 Millionen Euro für die L 792, 800.000 Euro für den Radweg Ostenfelde–Westkirchen, 350.000 Euro für die Bultstraße, 200.000 Euro für „Zur Sägemühle“ sowie 250.000 Euro für Wohnmobilstellplätze in Ostenfelde.
  • Klimaschutz & Energie: Jährlich 300.000 Euro für Photovoltaik und Solarthermie auf städtischen Dächern.

Ausblick und Zeitplan

Ab 2027 startet die städtische Initiative „Ennigerloh 2035“. Eine verwaltungsinterne Taskforce ohne zusätzliche Stellen soll Zukunftsfragen wie die Nachnutzung der Jakobusschule oder eine S-Bahn-Anbindung (WLE-Streckenerweiterung) vorantreiben.
Die Detailberatungen in den Fraktionen und Fachausschüssen laufen ab sofort. Die finale Verabschiedung des Haushalts 2027 durch den Rat der Stadt Ennigerloh ist für die Sitzung am 14. Dezember vorgeseh